Früher

Frau Müller wartet seit Wochen schon
Auf Besuch von ihrem Sohn
Er hat sie selbst ins Heim gefahren
Um sie vor Schaden zu bewahren

Zu Hause vergaß sie so viele Sachen
Zum Beispiel, den Gasherd auszumachen
Oder den Wasserhahn zuzudrehn
Sie konnte es selbst oft kaum verstehn

Im Kühlschrank verdarben Käse und Butter
Und auch der Kater bekam kaum noch Futter
Sie versäumte es, einzukaufen
Denn sie konnte nur mühsam noch laufen

Das Treppensteigen fiel ihr so schwer
Und tragen konnt’ sie schon lange nichts mehr
Manchmal halfen die Nachbarn aus
Und brachten das Nötigste ihr ins Haus

Ihr Sohn, ein angesehener Mann
Besuchte die Mutter so dann und wann
Leider mit wenig Zeit im Gepäck
Kaum war er da, musst’ er schon weg

Die Arbeit ruft und die Zeit reicht nicht aus
Und auch die Familie wartet zu Haus
Schnell noch zückt er sein Portemonnaie
Hier, trink mit den Andern ein Tässchen Kaffee

Frau Müllers Gedanken wandern zurück
In eine Zeit so ganz voller Glück
Da lebte auch noch der Christian
Ihr herzensguter Ehemann

Die Enkel brachten Leben ins Haus
Der Großvater spielte den Nikolaus
Sie half dem Christkind Plätzchen backen
Und zog sich zurück dann zum Päckchen-Packen

Zwanzig Quadratmeter Einzelzimmer
Sind nun Frau Müllers Zuhause – für immer
Viele Fotos der Enkelkinder
Zieren die Wände mehr oder minder

Täglich schaut Frau Müller sie an
Obwohl sie kaum noch sehen kann
So gerne würde sie sie berühren
Ohne das kalte Glas zu spüren

Was sind schon Bilder an der Wand
Im Gegensatz zu einer Kinderhand
Die warm in unsere Hände sich schmiegt
Und tausend Fotos überwiegt

Frau Müller fühlt sich nun abgestellt
In dieser einst so geliebten Welt
So vieles könnt’ sie den Enkeln noch geben
Doch hier kann sie einfach nur überleben

 

Dieses und viele andere Gedichte von mir werden demnächst in einem Lyrikband erscheinen mit Illustrationen von mir.