Harras, der Wächter

Vor dem Eingang zur Apotheke sitzt seit Stunden ein großer Hund. Sein Fell ist grau, struppig und ungepflegt; das linke Ohr sieht ziemlich demoliert aus und lässt auf harte Kämpfe in der Vergangenheit schließen. Er trägt kein Halsband. Er ist kein schöner Hund im landläufigen Sinne, doch er wirkt sympathisch-verwegen. Das Schönste an ihm sind seine Augen – groß, braun; ein Blick wie Samt, den er unentwegt ins Innere der Apotheke richtet, als wolle er die Glastür durchbohren.

Höflich macht der Hund Platz, wenn ein Kunde die Apotheke betreten oder verlassen möchte. Er bewegt sich dann etwas weiter zur Bordsteinkante hin, ohne die Tür aus den Augen zu lassen. Wenn er geht, sieht man, dass er seinen rechten Hinterlauf etwas nachzieht. Weitere Spuren eines Kampfes – oder ein Unfall? – Wer weiß.

Mittagspause. Die Angestellten verlassen für zwei Stunden ihren Arbeitsplatz. Die Besitzerin der Apotheke, Frau Schreck, die ihrem Namen keine Ehre macht und auch keineswegs schreckhaft ist, ordnet noch einige Rezepte, packt eine Medikamentenlieferung aus und stellt die Medikamente in die entsprechenden Regale, bevor sie sich in ihre Wohnung begibt, die gleich über der Apotheke liegt. Sie wirft noch einen Blick auf den Hund. „ Du lachst ja,“ murmelt sie.“ Und wirklich, das Tier verzieht die Lefzen, als ob es lache. „Bestimmt hast du Durst,“ stellt Frau Schreck weitere Vermutungen an, während sie nach einem geeigneten Behälter sucht und diesen mit Wasser füllt. Sie öffnet die Tür und stellt die Schüssel direkt vor den Hund mit den Worten: „Und wenn du nach dem Mittagessen immer noch da bist, bekommst du die Reste.“ Aufmerksam schaut der Hund sie an und lässt ein angedeutetes Schwanzwedeln erkennen. Als Frau Schreck die Tür von innen abschließt, schaut der Hund sie immer noch an und gibt ein leises „Wuff“ von sich. „Du bist aber ein wohlerzogener Hund“, lacht Frau Schreck, „bedankst dich sogar. Der Hund lacht – wie ihr scheint – zurück. „Jetzt spinne ich aber“, denkt die Apothekerin, „sehe schon Hunde lachen,“ Kopfschüttelnd macht sie sich an die Zubereitung ihrer Mahlzeit. Automatisch lässt sie mehr Fleisch an den Suppenknochen, die später der Hund bekommen soll. Hund … Frau Schreck geht zum Fenster und schaut zum Eingang der Apotheke. Kein Hund zu sehen. Sie empfindet so etwas wie Enttäuschung und schaut die Strasse entlang. Fast hätte sie ihn nicht bemerkt; ein Stück weiter die Strasse hinauf sitzt er ganz dicht an einer Hecke und kratzt sich ausgiebig. Zwischendurch knibbelt er mit den Zähnen in seinem Fell. „Flöhe hast du also auch“, stellt Frau Schreck halblaut und belustigt fest, „na ja, dagegen haben wir ein Mittel.“ Der Hund muss ein sehr feines Gehör haben. Er schaut zum Fenster und stellt seine Tätigkeit abrupt ein. Dann gähnt er, wie das Tiere seiner Gattung oft aus Verlegenheit tun.
Als die Angestellten zurück kommen, sitzt der Hund wieder in der Tür. Der Wasserbehälter ist leer. Frau Schreck, nun mit einem Fressnapf in der Hand, schließt die Tür auf. Mit den Worten: „Hier, Harras, das ist für dich“, stellt sie ihm das Futter etwas abseits vom Eingang hin. Die Angestellten lächeln sich viel sagend zu. „Harras? – Wieso Harras?“ denkt Frau Schreck ganz irritiert. Harras hieß ihr erster Hund, ein drolliger Potpourri von Mischling. Auch er war ursprünglich heimatlos und wurde damals von ihren Eltern in die Familie aufgenommen. Er war der Freund ihrer Kindheit, ihr Spielgefährte. Ihm folgten später noch andere Hunde. Als Frau Schreck Witwe wurde – ihr Mann erlitt vor neun Jahren einen tödlichen Unfall – hatte sie sich im Tierheim ein Kätzchen geholt. Dieses wurde vor zwei Jahren vor ihrer Haustür von einem Auto überfahren und erlitt so schwere Verletzungen, dass sie es beim Tierarzt hatte einschläfern lassen müssen. Sie hätte selbst die Möglichkeit gehabt, das Tier zu erlösen, dies jedoch nicht übers Herz gebracht. Sie nährte, als sie mit Micky zum Tierarzt fuhr, immer noch einen kleinen Funken Hoffnung, dass das Tierchen zu retten sei. Danach hatte sie sich geschworen, niemals mehr ein Tier ins Haus zu holen; zu schmerzlich war immer der Abschied von dem, was man liebte.
Während Frau Schreck ihren Gedanken nach geht und die Angestellten ihre Arbeit wieder aufnehmen, widmet Harras, der nun einen Namen hat, sich der ihm zugeteilten Köstlichkeit. Er tut dies ohne Hast, man könnte es genüsslich nennen. Frau Schreck steht versonnen daneben. Als Harras seine Schüssel blitzblank ausgeschleckt hat, hebt er den Kopf, schaut Frau Schreck vertrauensvoll an und leckt ihr ganz leicht über die herabhängende Hand. Dann lässt er wieder sein leises „Wuff“ ertönen. Frau Schreck ist gerührt und streichelt ihn. Als sie sein struppiges und teilweise verkrustetes Fell berührt, sagt sie: „Na, du hast aber dringend eine Reinigung nötig; aber erst wollen wir mal deinen Flöhen den Garaus machen. Warte hier.“ In der Apotheke gibt es eine Abteilung für Tiermedizin. Dort holt Frau Schreck einen Flohpuder, welcher Harras von seinen Peinigern befreien soll, und zieht einen alten, ausrangierten Kittel über. Der Hund sitzt an der gleichen Stelle, an der Frau Schreck ihn verlassen und zum Warten aufgefordert hatte. Kurz beschnuppert er die Dose, die ihm die Apothekerin vor die Nase hält, dann lässt er sich vertrauensvoll mit diesem für Hundenasen gar nicht so attraktiv riechenden Zeug sein Fell bearbeiten. Als Frau Schreck an die Unterwolle will, legt er sich sogar geduldig auf die Seite. Sein Blick lässt seine Wohltäterin nicht los. Die Angestellten und einige Kunden, die mittlerweile von Frau Schreck unbemerkt die Apotheke betreten haben, schauen dem Schauspiel vom Inneren der Apotheke aus zu. Frau Schreck redet während sie den Hund einpudert, mit diesem. Ihr „Publikum“ kann die Worte nicht verstehen, aber seit langer Zeit haben die langjährigen Angestellten und auch die Stammkunden Frau Schreck nicht mehr so entspannt erlebt. Als sie den Laden wieder betritt, „bewaffnet“ mit der nun halbleeren oder – wie Optimisten sagen würden – halbvollen Puderdose, schaut sie in die lächelnden Augenpaare, die ihr freundlich entgegen blicken. Etwas verschämt lächelt sie zurück und stellt die Puderdose ans Handspülbecken. Irgendwie fühlt sie sich glücklich.
Harras, dessen Fellbewohner beginnen, sich rebellisch gegen den Flohpuder zu wehren und um ihr Überleben kämpfen, was für ihn selbst mit großem Juckreiz verbunden ist, macht sich auf den Weg zu einem Platz, an dem er ungestört ist und sich ausgiebig kratzen kann.

Am nächsten Morgen, als Frau Schreck ihre Apotheke öffnet, ist von Harras noch nichts zu sehen. „Er hat mir die Behandlung sicher übel genommen“, denkt sie enttäuscht. Gleichzeitig hofft sie, dass der Hunger ihn wieder zu ihrer Apotheke führen wird. Und so ist es auch, allerdings fraglich, ob es nur am Hunger liegt. Das Erscheinen von Harras gegen die Mittagszeit wird zur festen Einrichtung. Immer sitzt er vor der Tür und wartet. Niemals versucht er, ins Ladeninnere vorzudringen, er bellt nicht fordernd, gibt nach wie vor den Kunden den Weg frei. Die zweite Hälfte des Flohpuders lässt er nach einer Woche ebenso geduldig über sich ergehen wie die erste. Er ist ein liebenswürdiger Hund mit angenehmen Manieren. Längst hat er sich in die Herzen der Angestellten und auch mehrerer Kunden geschlichen, die es sich bereits zur Gewohnheit gemacht haben, Harras einen Leckerbissen mitzubringen. Seinem Futter – Frau Schreck ist zu richtigem Hundefutter übergegangen – werden Vitamine beigemischt. Streicheln lässt Harras sich jedoch nur von Frau Schreck: Anderen Händen weicht er höflich aber konsequent aus, wedelt jedoch freundlich mit dem Schwanz, wenn er angesprochen wird oder einen Leckerbissen erhält. Wohin er sich nachts zum Schlafen hinlegt, weiß niemand. Sobald er seinen Platz vor der Apotheke verlassen hat, ist er unauffindbar.
Frau Schreck geht jetzt viel öfter abends nach Ladenschluss noch auf einen Spaziergang durch den Park. Sie will es sich zwar nicht zugestehen, doch hält sie hauptsächlich Ausschau nach Harras. Eines Abends, als kaum Spaziergänger im Park sind, weil es nieselt, ruft Frau Schreck sogar nach Harras. Vorher hat sie nach allen Seiten gesichert, ob er in Hörweite ist. Vergebens. Enttäuscht kehrt sie heim. Einmal glaubt sie während eines Spazierganges sein leises „Wuff“ zu hören, nachdem sie sich wieder getraut hat, seinen Namen zu rufen. Ein andermal hört sie ein Hecheln in ihrer Nähe und sieht gerade noch einen Schatten, der ins Dickicht huscht.

Der Sommer naht. Und mit ihm die Urlaubszeit.

Diese Kurzgeschichte kannst Du/können Sie weiterlesen demnächst in meinem Band mit Kurzgeschichten.