Leseprobe aus dem Kurz-Krimi

Seine letzte Rolle

Etwas steifbeinig von der ungewohnten, langen Zugfahrt tritt Thomas in die Bahnhofsvorplatz und schaut sich suchend um. Er erwartet seinen Zwillingsbruder Daniel, der ihn vom Bahnhof abholen will. Nach einer halben Stunde ruft Thomas bei Daniel an, erreicht aber nur den Anrufbeantworter. Nach weiteren zwanzig Minuten ist Thomas besorgt. „Da stimmt was nicht,“ schiebt er seine Enttäuschung bei Seite und erkundigt sich nach der Busverbindung zu dem Örtchen, in dem Daniel ein kleines Wohnhaus besitzt.
Gut eine halbe Stunde später verlässt Thomas den Bus. Vor ihm, von den fernen Bergen überragt, erstrecken sich kilometerweit wie eine wogende See die Felder. „Ich habe ganz vergessen, wie schön es hier ist,“ gesteht Thomas sich ein. Thomas ist Bühnendarsteller und war bis vor einigen Jahren sehr gefragt. Mit Zunahme seines Alters schwanden die Rollenangebote und mit ihnen die Frauen.
Thomas schlägt den Feldweg zum Dorf ein. Schon von weitem erkennt er Daniels Haus, welches in rührender Einfachheit weiß gestrichen ist. Als Thomas fast das Haus seines Bruders erreicht hat, sieht er vor der tiefer gelegenen und bisher vom bepflanzten Hang verdeckten Garageneinfahrt Daniels PKW stehen. Der Motor summt im Leerlauf. Das Garagentor ist hochgeschoben. „Hi, Daniel, erschrick nicht; ich bin’s, Thomas,“ ruft er fröhlich. Stille. „Weit fort kann er ja nicht sein,“ resümiert Thomas, „sonst hätte er den Zündschlüssel gezogen.“ Als Thomas keine Antwort erhält, wendet er sich der Garage zu. Zunächst sieht er gar nichts, weil es dort dunkler ist als draußen und seine Augen sich noch nicht an die Lichtverhältnisse gewöhnt haben. Er spät ins Innere der Garage und ruft wieder den Namen seines Bruders. Ein Stöhnen antwortet ihm. Panik ergreift Thomas.

Diesen Kurz-Krimi kannst Du/können Sie weiterlesen demnächst in meinem Band mit Kurzgeschichten, welches ich rechtzeitig ankündigen werde.