Leseprobe aus der Shortstory

Das Briefgeheimnis

„Mist, jetzt kriege ich Zoff mit Inge“. Lisa schaut ärgerlich auf den versehentlich geöffneten Briefumschlag, dessen Inhalt nicht an Sie, sondern an ihre Zwillingsschwester Inge gerichtet ist. „Was mach ich jetzt?“ überlegt sie fieberhaft. „Sag ich’s ihr oder lasse ich den Brief gleich verschwinden. Inge ist ja so pingelig mit allem.“ Lisa hält den Brief in der Hand wie ein Stück heißer Kohle. „Aber vielleicht ist er wichtig. Ich schau mal rein“, entschließt sie sich, denn der Absender „M. Kraus, Bonn“ sagt ihr nichts. Während Lisa den Brief entfaltet, fällt etwas zu Boden. Lisa hebt zwei Fotos auf, auf denen ihr eine gut aussehende Frau entgegen lächelt. Das eine Foto zeigt Martina Kraus im Tennisdress und das andere in einem Jeansanzug. Lisa schaut fasziniert auf die Fotos. „Davon hat sie mir ja gar nichts erzählt“, denkt sie enttäuscht.
„Macht eine solche Errungenschaft und sagt keinen Ton. Typisch Inge. Ob sie diese Frau wohl schon lange kennt?“ sinniert sie weiter. Dann wendet sie sich dem Inhalt zu..

„Liebe Inge“ liest sie erstaunt, „da ich noch zwei Wochen auf Reisen bin, schicke ich Ihnen vorerst zwei Fotos von mir. Auf den Fotos, die Sie mir überlassen haben, sehen Sie bezaubernd aus. Ich kann es kaum erwarten, Sie zu sehen, Ihre Stimme zu hören und Sie persönlich kennen zu lernen. Nach meiner Rückreise rufe ich Sie sofort an.“ Lisa schluckt, lässt den Brief sinken. „So ist das also“, denkt sie, „über eine Anzeige in der Zeitung haben die beiden Kontakt aufgenommen.“ Lisa und Inge sind eineiige Zwillinge und absolut nicht hässlich, im Gegenteil, beide haben aparte Gesichtszüge und eine sportlich-schlanke Figur. Sie gleichen sich äußerlich wie ein Ei dem anderen. Wer sie kennt, kann sie jedoch gut voneinander unterscheiden. Inge schaut ruhiger, sanfter in die Welt, auch ihre Bewegungen sind harmonischer. Lisa dagegen ist ein Wirbelwind. Ihr Blick ist keck und herausfordernd. Die Mädchen haben einen gemeinsamen Freundeskreis und sind jede auf ihre Art gleich wohl beliebt. Lisa studiert Betriebswirtschaft, Inge Psychologie.

Lisa kann es nicht fassen, dass ihre Schwester auf eine Annonce geschrieben hat. Sie hat doch genügend Möglichkeiten, Frauen kennen zu lernen, sowohl im Freundeskreis als auch an der Uni. Dass Inge sie nicht eingeweiht hat, ärgert Lisa maßlos. Sie könnte Inge ja ein Schnippchen schlagen und sich mit der jungen Frau treffen. Auch sie fühlt sich zu Frauen hin gezogen. Es wäre eine kleine Genugtuung dafür, dass Inge ihr vor zwei Jahren ihre Jugendliebe Monika ausgespannt hat. Ausgespannt ist eigentlich nicht der richtige Begriff, Monika hatte sich von Anfang an für Inge interessiert. Trotzdem, Lisa hatte seinerzeit sehr daran geknabbert, obwohl diese Beziehung nur zwei Wochen währte. Fieberhaft überlegt Lisa, wie sie mit Martina Verbindung aufnehmen könnte, denn offenbar haben die beiden sich ja nur geschrieben und noch nicht persönlich kennen gelernt. Sie kann sich ohne weiteres als Inge ausgeben.

Zwei Wochen lang ist Lisa von Gewissensbissen hin und her gerissen. Sie geht Inge – so weit das möglich ist – aus dem Weg. Sie wohnen in einer WG. Martina hat keine Telefonnummer ihres Hotels und auch keine Handynummer erwähnt, nur den Absender konnte sie dem Schreiben entnehmen. „Wenn sie nun vorher oder von unterwegs bereits anruft, um mit Inge einen Treffpunkt zu vereinbaren, das wäre ja schrecklich“, befürchtet Lisa. Dann fliegt alles auf, denn sie hat Martina kurz entschlossen einen Brief geschrieben und für den nächsten Tag nach ihrer Ankunft ein Café nahe ihres Wohnsitzes für 15 Uhr vorgeschlagen. Die Zeit rückt näher. Lisa ist ein Nervenbündel. Sie schiebt Halsschmerzen vor, geht nicht zur Fachhochschule und verbringt die größte Zeit in der Nähe des Gemeinschaftstelefons. „Sie muss ja anrufen, zumindest um den Termin zu bestätigen oder abzusagen. Vielleicht meldet sie sich auch gar nicht“, Lisa sie mittlerweile. „Sie kann ja während ihrer Abwesenheit auch eine Andere kennen gelernt haben“, ist ihr Wunschdenken. Längst hat sie Gewissensbisse und ihre Neugier hat der Reue Platz gemacht. Mit Regina, ihrer derzeitigen Freundin, hat sie sich gestritten. Sie konnte ihr nichts mehr recht machen und hat Lisa eine „launische Zicke“ genannt.

Sonntagnachmittag. „Warum geht Inge nicht Tennis spielen? denkt Lisa verzweifelt.

Diese Shortstory kannst Du/können Sie weiterlesen demnächst in meinem Band mit Kurzgeschichten, den ich rechtzeitig ankündigen werde.