Leseprobe aus der Kurzgeschichte

Der Luftpostbrief

Sie kann sich noch gut allein helfen, ist nicht pflegebedürftig. Sie hasst den Begriff „Pflegefall“. Fall … Notfall, Ernstfall, Durchfall… Fallsucht, ja sie hat das Parkinson-Syndrom, was mit Fallsucht einher geht. In letzter Zeit überkommen sie oft seltsame Gedanken und Wortverbindungen. „Betreutes Wohnen“, so nennt man die Situation, in der sie seit drei Wochen lebt. Am liebsten sitzt sie am Fenster und träumt sich ihre eigene Welt, lebt in Erinnerungen, die in ihrer Vorstellung wie Wolken am Himmel vorüber gleiten, lautlos auseinander treiben. Katharina nimmt sie an, betrachtet sie, lässt sie los. Manchmal legt Katharina den Vögeln Brosamen aufs Fensterbrett. Das ist von Seiten der Verwaltungsleitung streng verboten. Katharina lächelt trotzig; ein Betrachter könnte ihre einstige Schönheit ahnen. Schönheit und Traurigkeit. Sie fühlt sich sehr allein. Allein unter vielen Menschen, die in der Einrichtung ein ähnliches Leben führen wie sie. Manche protestieren, lehnen sich gegen ihr Schicksal auf, fühlen sich abgeschoben, andere resignieren. Einige ihrer Mitbewohner sind froh, dass sie gut untergebracht sind und unter Menschen sein können.

Katharina hat eine Tochter. Maria. Sie sieht sie und ihre beiden Enkel selten. Maria lebt mit ihrer Familie in Frankreich. Der Vater dieser Tochter hat sich, als er hörte, dass Katharina schwanger war, abgesetzt und nie wieder gemeldet. Viele Fotos zieren die Wände des Zwanzig-Quadratmeter-Reiches, das Katharina ihr Eigen nennt. Ein Seniorenbett, Einbauschrank, Tisch, zwei Stühle, alles praktisch und pflegeleicht. Das meiste ist Eigentum der Einrichtung. Jede Wohneinheit gleich. Katharina durfte von ihrem eigenen Mobiliar ihren Lieblingssessel und ihren kleinen Sekretär mitbringen. Gern hätte sie einen ihrer schönen Teppiche ins Zimmer gelegt. Abgelehnt. Katharina ist auf Grund ihrer Krankheit sturzgefährdet. Ab und zu stürzt sie trotzdem mal; auf dem Teppich würde sie vermutlich weicher stürzen.

Maria bringt noch Habseligkeiten aus der früheren gemeinsamen Wohnung von Katharina und deren Freundin Anna mit. Alte Briefe in bereits vergilbten Umschlägen, liebevoll mit einem Band zu Päckchen zusammen gehalten. Ansichtskarten in einer kleinen bemalten Holzkiste, die noch von Katharinas verstorbener Lebenspartnerin Anna stammt. Anna starb vor neun Jahren. Katharina verpachtete die Apotheke, die sie beide gemeinsam geführt hatten. Anna hinerließ ihr den Erlös einer Lebensversicherung, so dass Katharina finanziell unabhängig ist. Diesem Umstand verdankt Katharina auch die Tatsache, dass sie ein Einzelzimmer bewohnen kann.

„Mutter, ich lege die Post hier in deinen Sekretär in die obere Schublade. Sicher willst du gelegentlich noch einmal alles in Ruhe lesen“, sagt Maria. „Ja, ja“, antwortet Katharina zerstreut.

Geschafft. Mit enttäuschter Erleichterung lässt Katharina sich abends in ihren Sessel fallen. Sie döst eine Weile vor sich hin und nickt kurz ein. Als die Betreuerin das Abendessen serviert, schreckt sie hoch. Katharina hat seit längerem kaum Appetit und trinkt auch viel zu wenig. Von der alten Frau fast unberührt wird das Essen später von einer Küchenhilfe abgeräumt. Auf die gleichgültige Frage, ob es nicht geschmeckt habe, antwortet Katharina nicht. Es hätte auch keinen Sinn gehabt. Die Tür schließt sich so schnell, dass sie fast das Fragezeichen des Routinesatzes eingeklemmt hätte.

„Die Briefe“, erinnert sich Katharina. Nachdenklich öffnet sie das Band eines kleinen Briefpäckchens. „Von Ruth“, durchzuckt es sie schmerzlich. Ruth war ihre Sandkastenfreundin, zu der sie irgendwann im Laufe des Erwachsenwerdens mehr als Sympathie empfand. Auch Ruth hegte mehr als freundschaftliche Gefühle für das schöne Mädchen. Doch dann zog Ruth mit ihren Eltern von München nach Kiel. Anfangs gingen noch lange Briefe zwischen Katharina und Ruth hin und her. Irgendwann verlief die Korrespondenz im Sande. Katharina führte eine Zeit lang mehrere leidenschaftslose Frauenbeziehungen, traf später auf Anna, mit der sie bis zu deren Tod harmonisch zusammen lebte. Anna hatte einen Hirntumor.

Ganz vergessen hatte Katharina ihre Freundin Ruth nie. Bei dem Gedanken an sie fädelt sich Wehmut in ihre Adern. Bei einem Klassentreffen nach vielen Jahren sahen Katharina und Ruth sich wieder. Ruth erschien mit einer Frau. Katharina und Ruth tauschten ihre Erinnerungen aus und fühlten die gleiche Faszination, die von der Anderen ausging, wie einst. Katharinas Gefühle schlugen Purzelbäume, als Ruth sie zum Abschied in den Arm nahm und sie um ihre Adresse bat. Sie schrieben sich wieder regelmäßig. Doch plötzlich meldete sich Ruth nicht mehr.

Ganz unten in dem Stapel von Ruths Briefen befindet sich ein Luftpostumschlag.

Diese Kurzgeschichte kannst Du/können Sie weiterlesen demnächst in meinem Band mit Kurzgeschichten, welches ich rechtzeitig ankündigen werde.