Leseprobe aus der Kurzgeschichte

Jamie – Seelen wachsen nicht nach

Mit großen Augen schaut Jamie zu dem wunderschönen Regenbogen hinauf. Kurz erscheint der Anflug eines Lächelns auf ihrem Gesicht. Sie legt die Hände gegeneinander, so als wolle sie applaudieren. Das ist ihre Art, Freude zu zeigen. Seit einem Jahr – seit sie nicht mehr spricht.

Heute ist Jamies erster Schultag. Lange haben Anna und Bastian, Jamies Eltern, überlegt, ob es für ihre Tochter besser sein wird, eine ganz normale Grundschule zu besuchen, oder ob sie in einer Sonderschule für sprach- und hörgeschädigte Kinder besser gefördert werden kann. Nach Rücksprache mit der Schulbehörde und Jamies Therapeutin so wie vielen Tests haben sie sich für die Grundschule entschieden. Jamie ist klug, kann hören und versteht alles. Sie kann sich auch verständlich machen – jedoch nicht verbal.

Bis vor einem Jahr schallte Jamies fröhliches Lachen, Singen und Geplapper durchs ganze Haus. Sie war ein kleiner Clown und der Sonnenschein der Familie. Doch dann kam jener verregnete Spätsommernachmittag, als sie ihrer bis dahin glücklichen Kindheit beraubt, ihre kleine Seele zerrissen wurde.
Sie hatte ihm vertraut – dem „netten Onkel“, der sie schnell nach Hause fahren wollte, als sie ganz durchnässt unweit vom Kindergarten auf ihre Mutter wartete. Anna, Jamies Mutter, war in einen Stau geraten und konnte den Kindergarten nicht mehr rechtzeitig erreichen. Zudem hatte sie – entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit – auch noch vergessen, ihr Handy einzustecken. Die Regentropfen fielen dichter und Jamie fröstelte in den nassen Sachen. Der Mann, der mit einem Auto am Straßenrand hielt und Jamie ansprach, war so nett und freundlich. Er bot an, sie nach Hause zu fahren. Jamie wusste, dass sie nicht mit Fremden gehen durfte und sagte, dass sie auf ihre Mutter warten wolle. „Ja, aber deine Mutti hat mich darum gebeten, dich nach Hause zu bringen. Sie musste unterwegs noch etwas besorgen und schafft es nicht rechtzeitig, dich abzuholen“, sagte der Mann lächelnd. Er öffnete die Seitentür und schob die Rückenlehne des Beifahrersitzes nach vorn, so dass Jamie auf die Rückbank schauen konnte. Dort saß ein niedlicher kleiner Hund, schwarz mit einem weißen Fleck auf der Stirn, der fast die Form eines Herzens hatte. Jamie, die sich sehnlich einen Hund wünschte, zauderte. Das trockene Innere des Wagens war allein schon verlockend, aber der Anblick des niedlichen Hundes ließ Jamies letzten Widerstand schmelzen. Sie setzte sich neben den Kleinen, den der Mann ihr mit „Timmy“ vorstellte, und wurde von dem Hund freudig als Spielgefährtin begrüßt.

Diese Kurzgeschichte kannst Du/können Sie demnächst weiterlesen in meinem Band mit Kurzgeschichten, welches ich rechtzeitig ankündigen werde.