Leseprobe aus „Meine Reisen mit Julia“

Die „Last-Minute-Glücksreise“

Resturlaub. Egal wohin! Drei Wochen Sonne, Meer und Strand. Meine Freundin Julia – Sternzeichen „Penible Jungfrau“ – ist mit buchhalterischer Akrebie dabei, die „Last-Minute“-Flug-Angebote und „Never-Come-Back“-Busfahrten miteinander zu vergleichen; denn es handelt sich nicht nur um Resturlaub, sondern auch um Rest-Urlaubsgeld. Ich lasse mir nur zu gern die Verantwortung für dieses herbstliche Abenteuer abnehmen. Nach langen unzähligen Telefonaten und stundenlangem Abwägen, als ginge es um eine Weltreise oder die Absicht auszuwandern, stehen Ort, Zeitpunkt und das Reise-Unternehmen, dem wir unsere Gunst schenken und die paar schwer verdienten Kröten anvertrauen, endgültig fest. Freude kommt auf. Wir wählen – wie wir glauben – ein malerisches Küstenstädtchen an der Costa Dorada, Mittelklassehotel mit drei Sternen. Pünktlich erhalten wir die Reiseunterlagen von der Reisegesellschaft „LOOK A COUNTRY“. Mir obliegt es, diese zu deponieren, so dass sie nicht abhanden kommen können und vor allem vor der Abreise auffindbar sind. Julia würde sie am liebsten ins Banksafe bringen, damit sie nicht womöglich noch einem Brand zum Opfer fallen können. Aber weder raucht eine von uns, noch haben wir einen offenen Kamin (leider) oder Ofenheizung (Gott sei Dank), und mit dem Feuer spielen wir auch nicht. Folglich bewahre ich die Tickets zu Hause auf. Dass ich am Abreisetag nicht mehr weiß wo, tangiert mich momentan noch nicht, bestätigt mir jedoch später, wie nötig ich diesen Urlaub habe.

Der Tag X ist da. Schon länger. Wir warten seit gut zwei Stunden auf den Bus. Wir beschäftigen uns damit, den Reiseproviant zu verzehren, der eigentlich bis zum nächsten Morgen reichen sollte. Zu Hause bekamen wir kaum einen Bissen runter. Ich war außerdem lange mit der Suche nach den Reiseunterlagen zeitlich voll ausgelastet. .

Endlich! Der Bus ist da. Alles stürzt sich auf den Einstieg. Aber vergeblich, es herrschen Zucht und Ordnung. Einer der beiden Fahrer, seiner Ausstrahlung nach der Boss, zückt eine Liste und liest zunächst zirka zehn Namen vor, deren Eigentümer aufgefordert werden, ihre Koffer zur Ladeklappe zu bringen und ihr Handgepäck vorzuzeigen zur Kontrolle, ob es in Größe, Gewicht, Form und sonstiger Beschaffenheit nicht von der vorgeschriebenen Norm abweicht. Von einer Leibesvisitation wird abgesehen; sicher nur, weil wir bereits zwei und eine dreiviertel Stunde Verspätung haben. Der erste Trupp darf nun die von der Bordfee zugewiesenen Plätze einnehmen. Das ganze spielt sich zügig ab. Innerhalb einer Dreiviertelstunde sind alle Reisenden erschöpft auf ihren Sitzen gelandet. Es folgt von Seiten des Reisebegleiters, der gleichzeitig auch als Reservefahrer fungiert, eine Einweisung bezüglich der Funktionen und Handhabung des bordeigenen Instrumentariums, wie Fernseher, Radio, Sitze. Es gibt da so einiges zu beachten. Sitz zur Gangseite schieben, Rückenlehne kippen und so weiter. Für Radio- und Fernsehempfang ist es notwendig, Kopfhörer käuflich zu erwerben. Wir kaufen zunächst einen, da wir bereits jede mindestens zwölf der Dinger von früheren Reisen zu Hause gehortet haben. „Die kann man ja immer wieder benutzen“, vorausgesetzt, man hat sie dabei. Und wenn, dann hoffentlich die mit dem richtigen passenden Stecksystem. Schwesterlich teilen wir uns den Hörer und lauschen abwechselnd den Klängen, die das Radio sich etwas verzerrt und blechern abquält. Wir sind uns einig, zwei Hörer hätten sich gar nicht gelohnt. Jäh bricht unsere Eintracht ab, als auf dem Fernsehschirm „Sister Act“ angekündigt wird. Julia schaltet auf Fernsehton um. Aber beide wollen wir nun Whoopy Goldberg sehen. Also wird nun doch in einen zweiten Kopfhörer investiert, der uns dann auch beide so gut von den Geräuschen der Umgebung abschirmt, dass wir in den nächsten eineinhalb Stunden ganz entspannt und selig schlafen. Julia, die als Erste aufwacht, ist so lieb und weckt mich, damit ich wenigstens noch die Schlussszene genießen kann.

Da wir nun mal Geld ausgegeben haben für zwei Kopfhörer, wird ganz verbissen davon Gebrauch gemacht und ferngesehen oder Radio gehört. Jedenfalls von Julia. Ich gebe mir nach kurzem Bemühen erst gar nicht mehr den Anschein, sondern schlafe grundsätzlich bei allen Angeboten der Medien ein. Die Dinger auf den Ohren stören entsetzlich, wenn ich eine angedeutete Seitenlage einnehmen will, sofern man die Körperstellung bei der Enge so bezeichnen kann. Ich verschlafe sogar unseren Unfall. Einer unserer Kamikazefahrer erwischte beim Zurücksetzen an der Tankstelle einen PKW und verkürzte diesen um ein Drittel. Zum Glück nur Blechschaden.

Diese lustige Reisegeschichte kannst Du/können Sie demnächst weiterlesen in meinem Band mit Kurzgeschichten, welches ich rechtzeitig ankündigen werde.