Leseprobe aus „Meine Reisen mit Julia“

DIE ROHLINGE
„Punkt zwölf fahren wir aber los!“ Das ist der Weckruf meiner Freundin Gesine, mit der ich mir ein Haus teile, an diesem Donnerstagmorgen. „Klar!“ Ich befürchte insgeheim, dass es wie immer nicht mit der Zeit hinkommen wird. Das Wohnmobil, das ich vor kurzem erworben habe, steht mit randvoll gefülltem Frischwassertank und fertig beladen vor der Tür und grinst mich schon so vielsagend an, als ich aus dem Fenster sehe. Eigentlich gibt es gar nichts Weltbewegendes mehr zu tun, was unseren Zeitplan könnte durcheinander bringen. Gesine teilt mir zwischendurch freudestrahlend mit, dass sie schon eine Stunde früher aus ihrer Praxis wird verschwinden können. „Toll, dann kannst du ja die Schlüssel beim Wohnmobilcenter abholen.“ Bei der letzten Kanutour hatte Gesine ihre Wohnmobilschlüssel aus „Sicherheitsgründen“, wie sie es interpretierte, „am Leibe getragen“, das heißt auf Deutsch in der Hosentasche ihrer Shorts. Das Boot war auf der Sauer in einer Stromschnelle gekentert, und die Insassinnen mussten, um ihr nacktes Leben zu retten, einiges dem Fluss überlassen, unter anderem auch die Schlüssel. Gesine hatte akrobatische Höchstleistungen vollbracht, um unser Boot zu retten. Dabei war der Schlüssel wohl aus der Hosentasche gerutscht. Aber das ist eine andere Geschichte, in der noch vier andere Frauen „mitspielen“, die mit Gesine überlebt haben. Ich war nicht dabei.

Unser „Mann vom Wohnmobilcenter“, der immer mehr verspricht, als er hält, wollte uns die Schlüssel bis gestern besorgt haben; eigentlich hätten wir sie nur noch abholen müssen. Seine letzten Worte: „Kein Problem, mach ich doch.“ Mein Anruf ergibt, dass er zwar die Schlüssel bestellt, jedoch nicht abgeholt hat. Meine Nackenhaare kräuseln sich. Auch das noch. Da ich das Wohnmobil selber nicht fahren kann, muss ich meiner lieben Freundin nun ganz sanft beibringen, dass sie sich vor der Abreise noch um die Schlüssel kümmern muss. Bevor ich mich in die Praxis wage, kurzer Anruf in der Autofirma, die natürlich nicht in unserer Nähe liegt, sondern in der Nähe des Wohnmobilcenters jenseits des Flusses. „Ja, die Rohlinge sind da; können Sie abholen.“ „Ach, das geht ja noch mal gut“, freue ich mich, und mein Mut steigt. Ich schlängele mich in die Praxis, die sich im gleichen Haus, in dem wir wohnen, im Parterre befindet, und stoße auch gleich auf meine vor Reisefieber bebende Freundin. Diese kann die Freude über die bereit liegenden Ersatzschlüssel überhaupt nicht mit mir teilen. „Wir haben doch einen Schlüssel, der reicht doch.“ Natürlich haben wir einen Schlüssel, sonst stände das Wohnmobil ja auch immer noch in Luxemburg in der Nähe des Kanu-Intermezzos. Aber niemals im Leben werde ich mit Gesine ohne einen Reserveschlüssel ins Ausland reisen; selbst innerhalb Deutschlands benötige ich ohne einen solchen dazu meinen ganzen Mut. Es kann durchaus sein, dass Gesine mal wieder übervorsichtig den Schlüssel aus „Sicherheitsgründen“ „am Leibe tragen“ wird. Und was Gesine am Leibe trägt, bleibt immer wieder gern irgendwo zurück. Wir tragen ihr ständig Jacken, Taschen, Schirme, Mützen hinterher, die während eines Imbisses von ihr irgendwo auf einem Stuhl, der nicht immer eindeutig zu unserem Tisch gehört, deponiert werden. Ihr Dank lautet jedesmal so: „Ach, das hätte ich schon noch gemerkt.“ Klar, hätte sie sicher. Spätestens dann, wenn’s geregnet oder sie ihre Geldbörse gesucht hätte.

Diesmal kommt es zu einem heißen Gefecht, das darin gipfelt, dass ich sie vor die Alternative stelle: Schlüssel abholen oder Reise abblasen. Ich weiß ja, wie gern Gesine reist. Also ist der Sieg mein. Sie fährt widerwillig los – ausgestattet mit einem Zettel mit der genauen Anschrift und der Bezeichnung der Abteilung so wie mit dem Namen der Ansprechpartnerin, die ich bereits auf Gesines Kommen vorbereitet habe.

Gesine nimmt, damit es schneller geht, den PKW. Wenn wir gewusst hätten, was es heißt, bei dieser renommierten Firma das Ersatzteillager zu suchen, hätten wir uns per Fax einen Lageplan schicken lassen. Als Gesine dann endlich zwei Rohlinge in den Händen hält, stellt sich heraus, dass sie nun mit dem Originalschlüssel und den zwei Rohlingen zum Schlüsseldienst muss. Dort sollen die Rohlinge auf Maß geschliffen werden. Da Gesine mit dem PKW unterwegs ist, hat sie natürlich nicht den Originalschlüssel vom Wohnmobil mitgenommen. Also zurück nach Hause, vernichtender Blick auf mich, mit dem Original und den beiden Rohlingen zum Schlüssel-Dienst. Geistesgegenwärtig nimmt sie auch den Schlüssel für die Wohnraumtür des Wohnmobils mit, um auch diesen vervielfältigen zu lassen, denn Zündschlüssel und Wohnraumschlüssel sind nicht gleich. Bei Wohnmobilen ist es keineswegs harmlos, die Schlüssel zu verlieren. Für den Zündschlüssel ist der Motorhersteller, und für den Schlüssel des Wohnbereiches der Wohnmobilhersteller zuständig. Man kann, wenn man nur den Wohnmobilschlüssel verliert, auf jeden Fall sowohl fahren als auch den Innenraum über das Führerhaus erreichen. Es ist allerdings ziemlich umständlich, sich mit Einkäufen, Badetaschen etc. tagelang zwischen den Sitzen durch zu schlängeln. Verliert man den Zündschlüssel, wird es tragisch. Man kann zwar prima wohnen und die Fahrerkabine als zusätzlichen Stauraum benutzen, aber man ist gezwungen, ortsansässig zu werden. Wir mit unserem Bewegungsdrang eignen uns absolut nicht als Dauercamper.

Zurück zu Gesine. Sie erhält also nun die beiden Rohlinge, die jetzt eigentlich keine Rohlinge mehr sind, da sie nach dem Vorbild des Originals geschliffen wurden. Nun ist mir endlich klar, woher der Begriff „ungeschliffen“ stammt, der ja auch im Zusammenhang mit menschlichen Verhaltensweisen angewendet wird. Gesines aufkeimende Freude wird jäh erstickt, als der Schlüsselschleifer ihr verkündet, dass die Geschliffenen nun angelernt werden müssen, und das könne nur die Autowerkstatt. Man muss sich das so vorstellen wie im Kindergarten oder in der Schule. Gesine hofft erst, dass es sich um einen Scherz handelt oder dass der Schlüsselschleifer nicht richtig tickt. Doch dieser klärt sie auf. Da unser Wohnmobil eine Wegfahrsperre hat, kann es nicht mit einem einfachen Zündschlüssel gestartet werden; auch nicht, wenn er noch so liebevoll geschliffen wurde. Der Zündschlüssel muss angelernt werden. Und zwar unter Verwendung des entsprechenden Zündschlosses. Und dieses befindet sich zu diesem Zeitpunkt, zu dem Gesine mit den beiden wissbegierigen Rohlingen – pardon Geschliffenen – in der Schlüssel- und Rohlingsschleiferabteilung der Autofirma steht, in dem Fahrerhaus des Wohnmobils vor unserer Haustür. Jetzt weiß ich, warum das Wohnmobil mich morgens so frech angegrinst hat.

Gesine kommt nach Hause, mittlerweile völlig entnervt, erschöpft, zu keiner Gegenwehr mehr fähig, um das Wohnmobil mitsamt den Schlüsseln zum Lehren und Anlernen in die Werkstatt zu bringen – jenseits des Flusses. Es ist 17.00 Uhr. Ich fahre mit; wir wollen auf einem Weg den Urlaub antreten. Gesine findet auf Anhieb zu der Werkstatt zurück. Die freundliche Dame strahlt Gesine erkennend an und zeigt in eine Richtung auf mehrere Tische. Wir sollen uns an den Herrn wenden, der gerade telefoniert. Der Werkstattvorraum der Autofirma gleicht einem Großraumbüro eines größeren Konzerns. In der zugewiesenen Richtung telefonieren fünf Herren. Es sieht auch gar nicht so aus, als ob sie in absehbarer Zeit etwas anderes zu tun gedenken. Die sympathische Dame ist verschwunden. Wir versuchen – abwechselnd mit hilflosem, Mitleid heischendem Lächeln, demonstrativem Auf-die-Uhr-Schauen und grimmig-selbstbewusstem Blick die Aufmerksamkeit einer der beiden Herren, die sich in unserer Nähe befinden, zu erlangen. Nichts hilft, alle meiden den Blickkontakt mit uns. Da taucht die nette Dame wieder auf. Wir verstellen ihr den Weg und krallen uns an sie. Es hilft. Sie verhilft uns dazu, Gnade vor einem Herrn zu finden, der uns dann den Weg zu dem Gebäudeteil weist, in dem wir den Kollegen finden sollen, der autorisiert ist, unserem Zündschloss den Auftrag zu geben, unseren beiden Rohlingen zu zeigen, wie man einen Motor startet. Mehr erwarten wir auch nicht; abwürgen kann Gesine den Motor selbst.

Wir stoßen ohne langes Umherirren auf einen freundlichen Herrn, der uns nach anfänglichem erstauntem Zuhören ob unseres Begehrens verspricht, den Kollegen, der sicher wüsste, worum es ginge, zu suchen. Dabei hatten wir klar und deutlich im Fachjargon gesprochen: „Wir möchten zwei geschliffene Rohlinge anlernen lassen.“ Wir sind demnach nicht die Einzigen, die heute zum ersten Mal etwas vom „Anlernen geschliffener Rohlinge“ gehört haben. Obwohl ich eine leichte Assoziation zum Autoradio habe. Da musste auch die Ersatz-Keycard „angelernt“ werden. Na ja. Der Könner – für uns ist er ein Hochbegabter – kommt und weiß sofort, worum es geht. Wir werden wieder in das Großraumbüro geschickt und sollen dort einen Kaffee trinken. Das Anlernen der Geschliffenen soll circa eine halbe Stunde dauern. Eigentlich würden wir gern miterleben, wie unsere geschliffenen Rohlinge nun lernen. Schließlich sind sie uns schon ans Herz gewachsen und wir fühlen uns wie stolze Eltern in banger Ungewissheit, ob die Kleinen es auch schaffen werden. Aber es gibt keinen Widerspruch, wir müssen Kaffee trinken gehen. Ich mag überhaupt keinen Kaffee. Unser Wohnmobil wird entführt. Nicht mal Blickkontakt dürfen wir haben. Wer weiß, welche Lehrmethoden dort üblich sind. Womöglich noch Prügelstrafe.

Es gibt in dem Großraumbüro einen kleinen Rundtresen mit überdimensionalen Kaffeespendern von der Firma „oh …“ nein, ich verrate es nicht. Ich lasse mich nicht für Werbung missbrauchen. Schließlich schreibe ich auch nichts über die Firma mit dem Stern, bei der unsere armen Rohlinge misshandelt werden. Auf der Arbeitsplatte hinter dem Tresen steht Kuchen; leicht abgedeckt macht er einen teils vorwitzigen und teils abweisenden Eindruck. Die Produktion der Magensäure in unseren leeren Mägen läuft auf Hochtouren. Gesine: „Den kann man ruhig nehmen. Dafür ist der doch da.“ Die Spucke sammelt sich schon in ihren Mundwinkeln und läuft fast über vor Vorfreude. Ich: „Aber bestimmt ist der für die Angestellten, sonst stände er doch oben auf dem Tresen gut sichtbar und nicht abgedeckt.“ Schluck, auch mir läuft das Wasser im Munde zusammen. Die Erdbeeren unter dem Zellophan, die mich gerade noch verführerisch angeblinzelt hatten, wenden sich nun meinem Verdacht zustimmend ab. Gesine würde am liebsten alles nieder walzen, um in den Besitz des Kuchens zu kommen. Ich zerre sie an einen Tisch abseits, damit wir uns nicht weiter mit dem Anblick quälen müssen.

Zwischen all der Reklame ergattere ich eine Zeitschrift. Vor Langeweile löse ich zwei Preisrätsel. Da ich mir nun mal die Mühe gemacht habe, die kniffligen Rätsel erfolgreich zu lösen, will ich auch den Gewinn einheimsen. Papier und Schreibzeug befinden sich im Wohnmobil, also unerreichbar. Um das Ganze auswendig zu lernen, reicht mein Kurzzeitgedächtnis nicht mehr. Also mache ich mich daran, Zentimeter für Zentimeter die entsprechenden Parzellen aus den beiden Seiten zu trennen. Ich sichere nach allen Seiten, auch nach Gesines, denn sie bringt es fertig, lauthals zu fragen: „Was machst du denn da?“ Meine Oberlippe ist schon ganz feucht, als ich es geschafft habe und das Heft mit unschuldiger Mine zuklappe. Mein Blick fällt auf den oberen Rand der Titelseite. „Januar 1999“. Wir haben jetzt Juni! Nun werde ich auch noch der Illusion beraubt, eine Traumreise und ein Auto zu gewinnen.

Ich gedenke jetzt etwas mit der vor einer Weile auch noch lesenden Gesine zu kommunizieren. Der Stuhl ist leer. Erschrocken lenke ich mein Augenmerk auf den Kaffeetresen. Dort steht sie, schaut genau so witternd in die Runde wie ich zuvor bei dem Rätsel-Klau. Sie fühlt sich von mir entdeckt und fragt: „Willst du die Hälfte abhaben?“ Ich kann sie im letzten Moment noch davon abhalten, den Angestellten den Kuchen zu klauen, sie ist wild entschlossen dazu. Ich rate ihr, einen der Angestellten – am besten die nette Dame – zu fragen, ob wir etwas von dem Kuchen käuflich erwerben können. Selber bin ich zu feige dazu, obwohl mein Magen laut knurrt und nach Nahrung schreit. Es ist so, wie ich dachte, der Kuchen gehört den Angestellten und bleibt uns verwehrt. Nicht mal legal kommen wir an den Kuchen. Wir haben beide seit dem Frühstück nichts gegessen. Resigniert und schweigend starren wir durch die offene Tür in den Regen, der mittlerweile eingesetzt hat, obwohl der Wetterbericht für die kommende Woche Traumwetter versprochen hatte. Gerade das hatte uns dazu bewogen, uns für zehn Tage dem Alltagsstress zu entziehen und ans Meer zu fahren.

Nach eineinhalb Stunden kommt der Rohlingslehrer mit einem nun sowohl geschliffenen als auch angelernten Rohling in der Hand und macht uns die traurige Mitteilung, dass der andere Rohling aus unerfindlichen Gründen nicht zu lernen bereit gewesen sei. Er fragt, ob wir ihn trotzdem wieder an uns nehmen wollen. „Ja“, schreien wir und entreißen ihm den armen, lernbehinderten Rohling, bevor wir den nunmehr angelernten in Empfang nehmen. Wer lässt denn schon sein lernbehindertes Kind zurück?! Das muss ein ungeschliffener Rohling sein! Wir haben ja auch schon investiert: Herstellungskosten, Schliff und jede Menge Zeit, entgangene Urlaubsfreuden und Emotionen. Irgendwann wird auch dieser Rohling es schaffen, einen Motor zu starten, selbst wenn dafür Nachhilfestunden notwendig sein werden. Wir werden ihn lieben und fördern.

18.45 Uhr. Unserem Urlaubsglück steht nun nichts mehr im Wege. Fragender Blick auf Gesine. Wir fahren. Natürlich fahren wir. Am liebsten würden wir noch einen kleinen Schwänker zu unserem Wohnmobilcenter-Mann machen und ihm mal kurz über die Zehen fahren. Aber erstens hat er längst Feierabend, und zweitens liegt Gewalt uns nicht. Alle LKW scheinen sich in den Kopf gesetzt zu haben, heute um diese Zeit in den Norden zu fahren. Gestählt durch die Ereignisse des Tages ziehen wir Kilometer für Kilometer dahin. Plötzlich – wir haben schon die holländische Grenze passiert – biegt Gesine in eine Ausfahrt. „Nahrungssuche“, denke ich. Den größten Hunger haben wir bereits an der nächsten Raststätte zu Beginn der Reise gestillt, mit KUCHEN als Dessert. Zielsicher fährt Gesine auf ein Gelände vor einem Hotel im asiatischen Stil. Mein Magen reagiert nicht sonderlich auf den Anblick, denn wir hatten am Abend vorher chinesisch gegessen, und das ausgiebig. Doch meine Psyche reagiert prompt, als Gesine diesen Platz als unser Nachtquartier deklariert. Mir sträuben sich die Nackenhaare. Links von uns steht ein großer Bauwagen, der uns völlig die Sicht auf das Gelände nimmt. Rechts von uns befindet sich ein verwitterter Lattenzaun, umwuchert von Brennnesseln und anderen wuchsfreudigen Gewächsen. Er stellt die Grenze zu einem Werkshof dar, der eher wie ein Schrottplatz anmutet. Die Vorstellung, hier die ganze Nacht zu verbringen, versetzt mich in helle Panik. Eher würde ich auf dem Mittelstreifen der Autobahn parken. Schließlich ist auch gar nicht damit zu rechnen, dass dieses Restaurant die ganze Nacht geöffnet sein wird; also werden auch nach und nach die dort geparkten Pkws verschwinden. Weit und breit keine Menschenseele mehr. O nein, nicht mit mir. Auf den großen deutschen Autobahnraststätten kann man gut eine Nacht stehen und ruhig schlafen. Es sind in den Sommermonaten immer viele Wohnmobile und Wohnwagen unterwegs, die dann einträchtig nebeneinander stehen und sich gegenseitig das Gefühl von Schutz und Zusammengehörigkeit geben. Ansonsten ist es immer ratsam, einen Campingplatz aufzusuchen. Gesine lässt sich überzeugen und fährt weiter. Zur Belohnung lade ich sie zu einem tollen Abendessen ein, zu diesem Zeitpunkt noch unwissend darüber, wie dieses Essen aussehen und wer es kreieren wird. Mit Essen kann man die keineswegs übergewichtige Gesine immer locken.

Wohlbehalten erreichen wir gegen 23 Uhr den Zielort. Der Anblick des Meeres lässt uns alle Tücken des Tages vergessen. Unsere Magenwände signalisieren eindeutig den Wunsch nach Nahrungsaufnahme. Den lächerlichen Imbiss zwischendurch haben sie längst vergessen. Beim Anblick des Restaurants, welches wir als Erstes ansteuern, nachdem wir einen Parkplatz ergattert haben, was mit diesem „Ungeheuer“, wie wir unser heiß geliebtes sieben Meter dreißig langes rollendes Home bei diesen Gelegenheiten nennen, gar nicht so unproblematisch ist, läuft uns bereits das Wasser im Munde zusammen. Und dann noch dieser köstliche Geruch, der den geöffneten Fenstern entweicht. Innen kommen wir nur drei Schritte weit, bis uns ein Kellner abfängt und ohne unsere bescheidenen Wünsche abzuwarten, kategorisch erklärt, es gebe nichts mehr zu essen. Wir sind fassungslos beim Anblick so vieler mit gutem Appetit speisender Menschen. Draußen mustern wir uns gegenseitig. Unser Outfit ist in Ordnung, wir sehen aus wie immer. „Fein-Rustikal-Reisende“, wie eine Freundin uns einmal beschrieben hat. Mutig steuern wir das nächste Restaurant an. Ein Blick durch die Fenster ergibt eindeutig, dass dort Gäste kauend und schluckend sitzen, also essen sie. Alle Türen sind verschlossen. Wir umrunden das ganze Haus. Eine Festung könnte nicht besser gesichert sein. Entmutigt traben wir zu unserem Wohnmobil. Mehr Abfuhren verkraften wir nicht mehr. „Notfalls essen wir das Brot, welches ich für die Möwen gesammelt habe“, biete ich Gesine an. Sie zieht es vor, einen Fastenabend einzulegen.

Im Campingführer ist unser Ort nicht verzeichnet. Nicht schlimm, ich kenne Campinglätze, die es dort gibt. Nichts Komfortables, aber immerhin mit dem Nötigsten ausgerüstet. Gegebenenfalls könne wir ja unsere eigene Dusche und unser WC im Wohnmobil benutzen. Am nächsten Morgen wollen wir uns einen Stellplatz besorgen. Vor einigen Jahren boten die Holländer den Campern die Möglichkeit, oben auf dem breiten Randstreifen der Küstenstraße zu parken, sofern sie Sanitär an Bord hatten. Wir standen dort immer gern und wurden morgens früh von den Möwen geweckt. Heute ist der Randstreifen so gut wie leer. Ein Wohnmobil steht dort und beherbergt nach den huckepack tragenden Fahrrädern zu urteilen, eine Familie. Diese Spezies ist uns am liebsten gleich nach allein reisenden Frauen. Letztere gibt es viel zu selten. Wir reisen meist zu viert, hin und wieder zu zweit. Immer wieder kommt es vor, dass hilfsbereite „Herren der Schöpfung“ uns beistehen wollen – manchmal auch in jeder Beziehung – wenn wir mit dem großen Wohnmobil ankommen und uns auf unserem Stellplatz etablieren wollen. Sie können es kaum glauben, dass wir Frauen in der Lage sind, die sieben Meter dreißig richtig einzuparken, womöglich noch das Kanu aus drei Meter dreißig runter zu hieven, Strom und Abwasserleitungen korrekt anzuschließen und die Fernsehantenne zu richten. Zu Anfang hatten wir oft richtig Mühe, wild entschlossene Helfer aus unserem Terrain heraus zu komplimentieren. Ein Bayer fragte uns einmal:“Seid’s alloan?“ Wir: „Klar.“ Er: „Sauba!“ Gesine und ich rollen also fast lautlos und ohne aufzublenden, um die womöglich bereits schlafenden Kinder nicht zu wecken, hinter dieses Wohnmobil. Gesine gießt sich ihr wohlverdientes Gläschen Wein ein und holt etwas zum Knabbern aus dem Schrank. Verzückt schauen wir auf das Meer hinaus in Erwartung kommender Urlaubsfreuden.

Kurz vor dem Zu-Bett-Gehen überkommt uns der übliche Vergewisserungszwang: Ist die Gasflasche auch wirklich richtig zugedreht? Stehen wir auch gerade und sicher? Gesine geht zur Inspektion nach draußen, ich will aufräumen. Sofort steht sie wieder auf der Treppe. „Die sind weg.“ „Die“, damit ist das Wohnmobil bzw. die Familie vor uns gemeint, an die wir uns im Geiste die Nacht über klammern wollten, denn wild zu campen ist immer ein Risiko. Ich – mit leicht hysterischem Timbre in der Stimme – „Hier bleib ich nicht!“ Also ziehen wir los. Zunächst in Richtung der beiden Campingplätze nördlich, dann zu den beiden in südlicher Richtung. Alle sind bereits geschlossen. Gnadenlos war der Zeiger der Uhr weiter gerückt – 0,30 Uhr. Wohin? Plötzlich ein freudiger Aufschrei von Gesine: „Da steht einer.“ Und tatsächlich, da steht ein kleines Wohnmobil. Keine äußeren Anzeichen, die auf den Inhalt schließen lassen. Wir würden es trotzdem am liebsten umarmen. Wieder pirschen wir uns lautlos an und stellen uns dicht dahinter. Ich schlafe auf der Stelle ein. Als Letztes höre ich in der Ferne Partymusik. Es gibt mir ein Gefühl von Leben und Nähe von Menschen, beinah schon Geborgenheit. Die arme Gesine bekommt fast kein Auge zu. Die Partymusik hält lange an. Als dann auf dem Unterhaltungssektor Stille eingetreten ist, stellt sich heraus, dass die Partygäste alle zu den Pkws gehörten, die außer dem kleinen Wohnmobil auf unserem Parkplatz stehen. Gesine muss sich noch lange Abschiedszeremonien, kleine Streitereien und Liebesgeflüster anhören. Endlich darf sie sich gegen Morgen dem wohlverdienten Schlaf hingeben. Aber nicht lange. Um 5.30 Uhr klopft, nein hämmert jemand gegen unsere Tür. Selbst ich sitze sofort aufrecht in meinem Bett – aus tiefsten Träumen von dicken Steaks und Mousse au chocolat gerissen. „Polizei“, donnert es von draußen. Gesine springt aus ihrem Alkoven und zur Tür. Der Ordnungshüter wird beim Anblick einer Frau etwas milder. Freundlich sagt er: „Hier dürfen Sie nicht stehen. Aber wenn Sie innerhalb einer Dreiviertelstunde abgefahren sind, brauchen Sie nichts zahlen. Innerhalb von fünf Minuten sind wir wieder unterwegs. Wohin nur um diese Zeit? Die Campingplätze haben immer noch Nachtruhe. Die öffentlichen Parkplätze haben neuerdings am Eingang Barrieren in 1,70 Meter Höhe, so dass kein Wohnmobil oder ähnliches Fahrzeug eine Chance hat, auf den Platz zu fahren. Nicht sehr touristenfreundlich, finden wir.

Meine Gedanken gehen in die Vergangenheit. Ich entsinne mich noch der Zeit vor zwanzig Jahren, als ich mit meiner Freundin Julia regelmäßig hierher fuhr.

Diese Kurzgeschichte kannst Du/können Sie weiterlesen demnächst in meinem Band mit Kurzgeschichten, welches ich rechtzeitig vor Erscheinen ankündigen werde.