Leseprobe aus „Meine Reisen mit Julia“

Glück auf sechs Rädern

Gesine und ich waren kürzlich ein paar Tage auf der Insel Texel. Es hat uns dort so gut gefallen, dass wir mit unserer Begeisterung und mit Hilfe von mitgebrachtem Video und Infomaterial unsere Freundinnen Julia, Ulla und Inge für einen Pfingst-Kurzurlaub dort gewinnen konnten. Die sportlich-elegante Inge hatte noch nie in ihrem Leben einen Fuß auf einen Campingplatz gesetzt, bis zum vorigen Jahr, als sie zu meinem Geburtstags-Kanu-Wochenende an die Lahn kam. Und das hatte ihr gefallen. Also wagen wir’s.

Inge mietet einen Campingbus. Wir fahren zusammen zum Verleih und nehmen das rollende Heim in Augenschein. Es handelt sich um ein schönes, gepflegtes, neues Fahrzeug. Ich bewundere Inges Mut, denn sie hat auch noch nie einen Campingbus mit festem Hochdach gefahren. Das Ganze dient nicht nur dem Zweck des Urlaubs; Inge will auch ausprobieren, ob Campingurlaub ihr zusagt, bevor sie sich ein eigenes Fahrzeug anschaffen will. Nun freut sie sich erst mal sehr auf den Urlaub, fragt mehrmals, was sie denn alles so braucht und mitnehmen soll. „Wenig“, sagen wir alten Camping-Hasen, denn wir wissen, es wird immer nur ein Bruchteil benötigt von dem, was mitgenommen wird.

Als alles perfekt ist und die beiden Stellplätze gebucht und bezahlt sind, stellt sich heraus, dass Inge nicht Rad fahren kann. Texel ist ein Radfahrerparadies. Es gibt dort ganz vorzügliche, eigens angelegte Radfahrwege durch Dünen, Wälder und Felder. Meist liegen die Campingplätze etwas außerhalb des Ortes, so dass ein Fahrrad fast unentbehrlich ist. Glücklicherweise liegt unser Platz nur 800 Meter entfernt vom Städtchen; zum Meer ist es genau so nah, nur stellenweise ziemlich bergauf. Aber Inge ist ja nicht nur elegant, sondern auch sportlich – sagt sie.

Wir denken gemeinsam nach. Was heißt nachdenken, wir machen mehr oder weniger brauchbare Vorschläge bezüglich Inges Fortbewegung über weite Strecken. Inge hört begeistert zu. Wenn es nach ihr ginge, würde sie sich sogar in einen Kinderwagen setzen, um an den Aktivitäten teilnehmen zu können. Tandem – Julias Idee, wird verworfen, ist zu gefährlich und zu anstrengend, wenn die Frau auf dem Sozius nicht das Gefühl für Gleichgewicht hat, was Radfahrern eigen ist. Auf Texel sahen wir oft Fahrradanhänger, manche sogar ziemlich geräumig. Doch sahen wir nur Kinder oder Hunde, die auf diese Weise transportiert wurden. Inge ist ziemlich groß und hatte ein beträchtliche „Flügelbreite“, wie sie selbst behauptet. Ich schlage ein großes Dreirad vor. Ursprünglich sind diese Art von Rädern für den Behinderteneinsatz konzipiert worden. Ich sage, dass ich bei einem Verleih ein solches Rad gesehen habe. Inge zerfetzt mir fast das Trommelfell mit ihrem Sopran-Jubelschrei. Das ist nach ihrem Gefühl die Lösung. Ich gebe zu bedenken, dass ein solches Rad keinen rasanten Fahrstil zulassen wird und im Bereich des Hecks sehr Raum greifend ist, so dass es bei Überholmanövern und starkem Gegenverkehr zu Komplikationen kommen könnte. Meine Überlegungen kommen gar nicht mehr bei ihr an. Für sie ist der Fall erledigt – Dreirad, basta. Mit verklärtem Blick träumt sie von der ersten Fahrradtour ihres Lebens. Nun denn.

Aufbruch Mittwochnachmittag. Julia, die sich mit Gesine und mir ein Haus teilt, kommt extra früh vom Dienst und findet ein leeres Haus vor. Wir sind alle noch unterwegs. Inge und Ulla holen gemeinsam das Büschen im Wohnmobilcenter ab. Gesine und ich fahren ebenfalls dort hin, um unseren sogenannten Safariroom – ein geräumiges Vorzelt, welches an den Markisenrändern eingehängt wird – in Empfang zu nehmen.

Diese lustige Reisegeschichte kannst Du/können Sie demnächst weiterlesen in dem Band mit Kurzgeschichten, welches ich rechtzeitig vor Erscheinen ankündigen werde.