Leseprobe aus „Meine Reisen mit Julia“

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Es fängt ganz harmlos an. Eigentlich wollen wir uns auf der Campingmesse nur Anregungen holen über „Campingurlaub“ und „Natur pur“. Uns überkommen Visionen von sonnigen Stränden, glasklarem Meer, Ungebundenheit und Abenteuer und ruck zuck haben wir einen Wohnwagen gekauft.

Wir, meine Freundin Julia  und ich wagen drei Wochen Atlantikküste – wir Optimistinnen. Wir befürchten, im Süden ist es zu heiß. Wir haben keinerlei Campingerfahrung und vereinbaren eine Arbeitsaufteilung; sie ist für den Außendienst- und ich für den Innendienst zuständig.

In Belgien empfängt uns zunächst die Sonne. Als hätten wir’s geahnt, dass dies für die nächste Zeit für uns die letzten Sonnenstrahlen sein sollen, verbringen wir den Tag überwiegend am Meer. Nachts höre ich Regentropfen aufs Wohnwagendach rieseln und finde das unheimlich gemütlich. Das ganze wächst sich zu einem Landregen aus, der auch die nächsten Tage anhält. Dieser wunderschöne Campingplatz verwandelt sich in eine Moorebene, der geliebte Wohnwagen in ein Gefängnis, und wir verwandeln uns in nörgelnde, motzende, leidende Kreaturen.

Am nächsten Tag beginnt ein neuer Rekord in Flucht und Verfolgung. Die Sonne flieht uns, wir verfolgen sie und fliehen den Regen, doch der gibt sein Letztes, uns einzuholen. Kaum haben wir mal für einen Moment einen Sonnenstrahl erhascht, ergießt sich auch gleich wieder eine dichte Regenwolke über uns und unser Gespann. Wir können die Schönheiten der Normandie nur ahnen und tasten uns von Campingplatz zu Campingplatz, hören in stiller Resignation den Regen auf unser rollendes Home prasseln.

Kurz vor Nantes meint Julia: „Der Wagen zieht schlecht.“ Mir bleibt das Herz stehen, denn ich bin zuständig dafür, nach jedem Halt die Wohnwagenbremse anzuziehen und vor der Abfahrt wieder zu lösen – mein Anteil bei der Außentätigkeit.
Also ran an die Seitenbande der Autobahn, im strömenden Regen raushechten, um festzustellen, dass es nicht an der Bremse liegt. Bügelfeucht lande ich wieder auf dem Beifahrersitz und äußere die Vermutung, dass es wohl etwas bergan gehe. Sehen kann man das bei diesem Wolkenbruch nicht, nur ahnen. Schweigend fahren wir weiter, das Radio bemüht sich, gegen die Autobahn- und Prasselgeräusche des Regens anzukämpfen. Nach einer Weile haucht Gesine zaghaft: „Es wird schlimmer, nun zieht er gar nicht mehr.“ Wir fahren fast Schritt-Tempo, und das mit 178 PS, so steil kann es hier nicht sein. Ich schrecke aus meinen Wunschträumen, die sich um Sonne, Sand und Meer ranken, auf. Gleichzeitig fängt der Wagen an zu ruckeln, und nachdem wir es gerade noch schaffen, das Gespann halbwegs auf die Seitenbande zu fahren, gibt er mit einem kurzen „Pfff“ ganz auf. Ich springe raus, durchsuche den Kofferraum nach dem Warndreieck und rase die Autobahn zurück, um das Schild ordnungsgemäß zu platzieren. Julia hat nach meiner Rückkehr bereits Kontakt zum Pannenhilfsdienst über die Rufsäule. Ich wundere mich, warum sie so seltsam und wortkarg spricht. Sie schreit immer nur „ja“ oder „nein“, und das in mehr oder weniger langen Abständen mehrmals hintereinander. Später erzählt sie mir, dass dort ein Band gelaufen sei, auf welchem Fragen gestellt wurden, die mit „ja“ oder „nein“ zu beantworten gewesen seien.Julia stellt mir das so dar: Band: „Haben Sie einen Unfall?“ Pause, während der meine Freundin schreit „nein, nein, nein.“ Gleichzeitig Getöse der vorbeirollenden und sausenden, zum Teil hupenden LKWs und Pkws auf der Autobahn. Einige ziehen auch noch mit unverminderter Geschwindigkeit einen Bogen um das Geschehen. Dann wieder das Band im Zeitlupentempo: „Ja oder nein.“ Julia ganz verwirrt: „Nein“. Da checkt sie, dass sie dem Band vorzeitig ins Wort gefallen ist und nicht die Frage „Ja-oder-Nein“ abgewartet hat. So geht das weiter mit Fragen, zum Beispiel: „Haben Sie eine Panne?“ Pause. „Ja oder nein?“ oder „Stehen Sie unglücklich auf der Autobahn?“ Pause. „Ja oder nein?“ Letzeres beantwortet Julia mit „Nein“, da wir ja halb auf dem Ausweichstreifen stehen. Ich hätte das ganz bestimmt ohne Nachzudenken mit „Jaaaa!“ beantwortet, denn so unglücklich war ich lange nicht mehr. Als Letztes wird nach Personenschäden gefragt. Wenn wir wirklich verletzt wären, wäre diese Frage reichlich spät erfolgt. Julia fordert mich auf Rat des „Pannenhilfsdienstsäulentelefonbandes“ energisch und – wie ich empfinde – mit bereits reichlich irrem Blick auf, hinter die Bande zu springen und mich dort in Sicherheit zu bringen. Sie steht ja bereits seit Längerem dort und ist schon halb erfroren. Ich halte das nicht aus und steige ins Auto; Julia  folgt schnatternd vor Kälte und Nässe. Wir sind immer noch der Annahme, der PKW habe einen Motorschaden. Keine von uns beiden kommt auf die Idee, es könne am funkelnagelneuen Wohnwagen liegen, dass der PKW nicht mehr zieht. Es würde jedoch äußerst gefährlich sein, rund um das ganze Gespann einen Kontrollgang zu machen.

Der erste Helfer kommt schnell und sichert unseren Standort ab, entdeckt bei seinem Inspektionsgang rund um die Wagen, bei dem ich ihn nun mutig begleite, den geplatzten Reifen am Wohnwagen zur Autobahnseite hin. Er betrachtet den Schaden lange, wirkt dabei noch hilfloser als wir – das was heißen soll – marschiert zu seinem Wagen und ordert per Funk zwei weitere Helfer. Sie kommen auch relativ schnell und sichern die Autobahn oder uns – so genau raffen wir das nicht mehr – noch intensiver. Schließlich wächst unsere Kolonne ja zusehends. Nun sind wir von drei hilflosen Helfern umzingelt. Sie sprechen weder Deutsch noch Englisch, und wir beherrschen kaum Französisch. Trotzdem unterhalten wir uns rege miteinander, bieten sogar an, unseren schönen intakten Reservereifen gemeinsam gegen den zerfetzten auszutauschen. In meiner Verzweiflung wäre ich sogar bereit, ein vollständiges Menü zu kochen und den Herren zu zelebrieren

Julia spricht – wie sie jedenfalls glaubt – etwas Französisch, und ich mache mich mit Händen und Füßen verständlich.

Diese lustige Reisegeschichte kannst Du/können Sie demnächst weiterlesen in meinem Band mit Kurzgeschichten, welches ich rechtzeitig vor Erscheinen ankündigen werde.