Leseprobe aus „Meine Reisen mit Julia“

MIT DEM KANU AUF DEN MECKLENBURGISCHEN SEENPLATTEN

Eine neue Ära ist angebrochen, Kanuwandern. Julia und ich haben während eines Urlaubs an der Lahn diesen Sport für uns entdeckt und lieben gelernt. Jeden Tag zieht es uns zur Lahn zum Bootsverleih. Wir trainieren, so oft es geht, an den Wochenenden und testen einige Campingplätze und Bootsverleihe entlang der Lahn. Am besten gefällt uns ein Platz in der Nähe eines alten, beliebten Kurortes mit Therme. Der Platz ist noch in der Umwandlungsphase und wird von einem engagierten Pächterehepaar geführt und neu gestaltet. Hier bekommen auch Frauen, die allein reisen, einen schönen Platz am Wasser.

Wir probieren alles aus, was sich auf dem Wasser fortbewegen lässt. Da sich die Mieterei auf Dauer als sehr kostspielig erweist, komme ich auf die Idee, ein Kanu zu kaufen, zunächst mal ein gebrauchtes. Es ist von der Optik her wenig ansprechend, militärgrün mit schmutzig-weißen Resten seiner ehemaligen Beschriftung. Es hat einige Läsuren, denn es ist ein ausrangiertes Verleihboot. Sein Fahrverhalten jedoch ist vorbildlich. Es lässt sich leicht lenken und kippelt kaum.

Im Laufe des Sommers bekommen wir einen Kennerblick für Kanus und es dürstet uns nach Edlerem, nach einem Leichtkanu mit Holzpaddeln. Wir lassen uns von unserer Bootsvermietung, die sich gleich in der Nähe des Campingplatzes befindet, fachmännisch beraten und sind so bald im Besitz eines knallroten Leichtkanadiers für drei Personen, der noch für einen weiteren Platz aufrüstbar ist. Es ist ein sehr gutes und sehr schönes Kanu mit edler Holzeinfassung so wie Holzsitzen mit eingelassenem Flechtwerk. Passend dazu kaufen wir uns die Paddel. Meist fahren wir zu dritt, Gesine, Julia und ich. Natürlich benötigen wir auch jede eine Ausrüstung. Wetterfeste Bekleidung, Kanusäcke, Tonne. Jede von uns hat ihre eigene Farbe, damit wir nicht dauernd unsere Sachen suchen. Julia rot, Gesine blau, ich gelb. Das grüne Boot wird von Julia hingebungsvoll mit leuchtendblauer Farbe angemalt. Es ist für mitreisende Freunde gedacht. Jedes Kanu wird getauft und erhält einen Namen, das rote heißt nun „Las Rapidas“ und das blaue „Pequena“.

Anfang des Sommers im Folgejahr machen Gesine, Julia und ich uns mitsamt Wohnwagen „Chicasita“ und „Las Rapidas“ so wie einer zünftigen Kanu-Ausrüstung einschließlich Zelt auf den Weg zur Mecklenburgischen Seenplatte. Auf einem Campingplatz beim Kleinen Labussee finden wir ein Plätzchen nahe am Schilf. Auf Radio und Fernsehen verzichten wir gern, es gibt so viel zu hören und zu sehen. Die Natur ist einmalig schön. Abwechselnd per Fahrrad oder Kanu erkunden wir die Gegend, die sich uns traumhaft und nahezu unberührt darbietet. Andächtig schlängeln wir durch Nebenarme der Havel, vorbei an Seerosen- und Sumpfdotterblumenteppichen. Stellenweise müssen wir treideln, das heißt am Ufer entlang gehen und das Kanu neben uns her ziehen. Wir lernen schnell, die Karte zu deuten und die Strecken zu finden, die fürs Kanuwandern frei gegeben sind. Mühe macht es uns immer wieder, von den Seen aus die Zufahrt zum Flüsschen wieder zu finden. Das Ufer ist mit hohem Schilf bewachsen, der wie ein Wächter die Brutstätten der Wasservögel schützt und von weitem geradezu abweisend wirkt.

Bei stärkerem Wind, der oft ganz unerwartet auftritt, ist es auf den größeren Seen mühsam voran zu kommen. Auf dem Großen Labussee geraten wir einmal in einen Regensturm. Schweigend setzen wir unsere ganzen Kräfte ein. Ich sitze vorn als „Powerfrau“, Julia in der Mitte und Gesine steuert. Die beiden wechseln sich ab, weil ich nicht gern steuern mag. Wir richten uns nach den Orientierungstonnen, die aufgereiht wie auf einer Kette mitten über den See führen. Zumindest versuchen wir sie im Blickfeld zu behalten. Das Kanu schaukelt wie eine Nussschale auf dem bewegten Wasser auf und ab. Kein Ufer ist sichtbar. Der Anblick des als abweisend empfundenen dichten Schilfes würde nunmehr Freudenschreie bei uns auslösen. Wir kämpfen uns von Tonne zu Tonne, haben oft das Gefühl, dass es immer die gleichen Tonnen sind, die wir sehen, dass wir zurückgeworfen werden oder uns immer wieder von der Seite her nähern. Zwischendurch denken wir an Rückkehr, sind jedoch nicht sicher, wie weit wir uns vom jeweiligen Ufer befinden. Jedes Gefühl für Zeit und Raum ist verloren. Niemand von uns Dreien äußert Panik, jede setzt ihre volle Kraft ein. Nach – wie uns scheint – einer Ewigkeit hört zumindest der Regen auf, doch der Wind legt noch etwas an Kraft zu. Wir können uns jetzt zumindest besser orientieren.

Dann sehen wir in der Ferne Schilf. Von den Tonnen sind wir mittlerweile ein ganzes Stück fort getrieben worden. Wo ist die Einfahrt zum Flüsschen? In mir kommt nun Verzweiflung auf. Ich denke, uns allen Dreien ist nicht geheuer und jede hat ein bisschen Angst. Beim Anblick des Schilfes werden wir gesprächig und versichern uns gegenseitig, dass wir es bald geschafft haben. Der Glaube versetzt Berge, sagt der Volksmund. Er versetzt wahrscheinlich auch winzige Einfahrten zu kleinen Flussärmchen, denn wir sehen genau vor uns – wo wir es eigentlich gar nicht vermutet haben und auch nie danach gesucht hätten – eine diskret angedeutete Öffnung im dichten Schilf. Der durch die Freude und Erleichterung bewirkte Adrenalinstoß verleiht uns längst verloren geglaubte Kräfte. Wir halten in rasantem Tempo – jedenfalls empfinden wir es so – auf das rettende Ufer und die Einfahrt zu. Menschen, die einer Gefahr entronnen sind, fühlen sich hinterher oft geradezu geläutert. So auch wir.

Noch sind wir nicht am Ziel. Gemächlich gleiten wir durch den schmalen Fluss dem nächsten See entgegen, denn unser Campingplatz liegt auf der gegenüber liegenden Seite des Sees. Der Regen hat zwar völlig aufgehört, doch der Wind wird uns wahrscheinlich ziemlich zu schaffen machen. Durch die dicht stehenden Bäume und Sträucher sind wir so geschützt, dass wir nur ahnen können, was uns noch bevor steht. Die Baumkronen bewegen sich jedenfalls heftig. Am liebsten würden wir auf dem Flüsschen bleiben, bis der Wind nachlässt, doch es geht auf den Abend zu. Unsere Jeans sind nass, wir sind hungrig und durstig. Der See, den wir überqueren müssen, ist entschieden kleiner als der Große Labussee. Notfalls können wir dicht am Ufer einen Halbkreis fahren. Mir ist äußerst unbehaglich bei dem Gedanken. Ich bete zum Wettergott. Die Rettung erscheint in Form eines Anrainers, der oberhalb des Flussufers sein Wochenendhäuschen hat. Er hilft uns und unserem Kanu aus dem Wasser, fährt meine Freundinnen zum Campingplatz. Gesine und Julia kommen mit unserem Campingwart in dessen Auto. Er lädt unser Kanu auf den Dachträger und nimmt uns mit zum Campingplatz zurück. An diesem Abend können wir, nachdem wir heiß geduscht haben, nur noch in den Wohnwagen stolpern und so, wie wir in die Horizontale kommen, sofort einschlafen. Wir sind zu müde zum Kauen und trinken nur noch einen Schluck Wasser.

Der Schreck hält uns nicht davon ab, unsere geplante Kanuwanderung durch das Naturschutzgebiet bis hoch nach Kratzeburg zu machen. Im Gegenteil, wir fühlen uns nun bereits wie erfahrene Kanutinnen. Natürlich sind wir fest davon überzeugt, dass wir gestern Abend den kleinen See auch noch geschafft hätten. Na ja. Das Kanu wird beladen mit Zelt, Isomatten, Kleidung, Waschzeug, Schlafsäcken, Kanusäcken, Tonne. Wir nehmen reichlich Nahrung mit, denn auf der Strecke durch das Naturschutzgebiet dürfen wir nicht aussteigen. Diesmal nehmen wir auch unsere Schwimmwesten mit.

Es wird eine traumhaft schöne Fahrt durch eine Bilderbuchlandschaft. An einem kleinen See machen wir Rast. Ein Reiher taucht aus dem Schilf auf und schwingt sich in die Luft. Als ob er wüsste, dass wir ihn beobachten, dreht er immer wieder einige Runden und lässt sich anschließend in der Krone des höchsten Baumes nieder, genau gegenüber von unserem Standplatz.

Abends erreichen wir den Campingplatz in Kratzeburg und bauen unser Zelt auf. Viel Ruhe haben wir nicht. Auf der Parzelle neben uns schlägt ein einzelner Camper sein Lager auf. Bei unserem Anblick – wir sitzen genüsslich kauend auf einer Decke vor unserem Zelt – überkommt ihn das Bedürfnis, uns mit seiner Fürsorge zu beglücken. Erst belabert er uns unbeirrt unserer kargen Reaktion. Etwas später beginnt er mit den Vorbereitungen zur Gestaltung des Abends.

Diese Reisegeschichte kannst Du/können Sie weiterlesen in dem Band mit Kurzgeschichten, welches ich vor Erscheinen rechtzeitig ankündigen werde.