Leseprobe aus „Meine Reisen mit Julia“

UNSERE FRAUEN-SEGLECREW
„Habt ihr Lust, mit zu segeln?“, fragt mich eines Tages Helga. Mit „ihr“ sind Julia, Uli, Gesine und ich gemeint. Wir haben grundsätzlich Lust zu allen Aktivitäten, die mit Reisen verbunden sind.

Der Klipper hat sechzehn Plätze; wenn die alle belegt werden, wird’s eng in den Kajüten. Wir einigen uns auf zehn Frauen. Das reicht gerade so, um die Arbeit zu schaffen. Helga kennt bereits zwei Frauen, die gern mitmachen wollen, Gisela und Ilona. Ich schnappe mir das Telefon, und innerhalb von zwei Stunden ist das Schiff mit zehn sportlichen Frauen besetzt. Alex, Marian und Inge haben sofort begeistert zugesagt.

Helga versorgt uns mit Informationen über das Schiff. Es handelt sich um einen fünfundzwanzig Meter langen und fünf Meter breiten Einmaster, Baujahr 1910. Eine Skipperin und eine Maatin werden uns unter ihre Obhut nehmen und anleiten. Ist uns recht, denn sobald ein Mann mit von der Partie ist, verhalten sich die meisten Frauen oft ganz anders und unnatürlich. Segeln – die meisten von uns haben eine Vision von Faulenzen und Sonnen auf dem Deck, so a la Hollywood-Film. Denkste! Schnell wir uns diese Illusion genommen. Mit nur zehn Frauen haben wir zwar viel mehr Platz, aber auch entsprechend mehr Arbeit. „Jede Hand wird gebraucht“, verkündet Helga. Auch gut, Arbeit adelt.

Die Segelwoche wird für Anfang Juli geplant von einem Küstenort am Ijsselmeer aus. An einem Montag wollen wir starten. Gesine, Julia und ich fahren bereits Samstagmorgen in aller Frühe los. Vorher haben wir noch den Garten gewässert, denn der Juli soll ja ungewöhnlich heiß werden. Noch spüren wir nichts davon. Ist ja auch noch früh. Ich quetsche mich auf den Rücksitz neben einen Teil unseres Gepäckes. Was heißt Teil, der Rücksitz ist in seiner Breite und Höhe randvoll bis auf das winzige Eckchen, in das ich mich zwänge, um noch eine Runde zu schlafen. Ich versuche eine leicht schräge Haltung einzunehmen und die Beine etwas anzuziehen, damit ich mein müdes Haupt auf die neben mir gestapelten Taschen, Schlafsäcke und noch in letzter Minute vollgestopften Tüten mit mir bis dahin noch unbekanntem Inhalt zu betten. Sofort nimmt mein Ischiasnerv mir das übel. Also schwenke ich zur anderen Seite – und ramme mir die Rollen des Trolleys ins Gesäß. Sinnigerweise liegt er so auf dem Nebensitz, dass die Rollen zu mir heraus ragen. War eh nicht die richtige Position, mein Kopf klebte an der Scheibe. Nun sitze ich gerade, meine Knie berühren nur leicht die Rückseite des Fahrersitzes. „Halt‘ ich schon aus“, ermutige ich mich, „sind ja nur knapp vierhundert Kilometer“. Selbst in dieser Haltung bringe ich es fertig einzuschlafen.

Zum Frühstück, welches wir in unserer Lieblingsraststätte einnehmen, werde ich von Gesine und Julia geweckt. Steifbeinig und –halsig stelze ich mit ins Restaurant, um mich dort ein bisschen zu langweilen, denn vor Müdigkeit habe ich keinen Appetit. Auf dem Rückweg zum Auto umhüllt uns ein recht kühles Windchen, am Himmel ziehen graue Wolken auf. Wo ist das vom Wetterdienst versprochene schöne Juli-Wetter? Heute ist der Erste. Na ja, wir sind ja schon zufrieden, wenn sich die Voraussage am Montag erfüllt.

Als wir am Ziel sind, hat sich das Ganze zu einem ausgewachsenen Landregen gesteigert, alles Grau in Grau, und kalt ist es auch – saukalt. Vermummt in unsere „Dicken-Pullover-für-alle-Fälle“ und unsere Regenbekleidung begeben wir uns zur Info, um Zimmer zu buchen für eine Nacht. Morgen Abend können wir bereits auf das Schiff. Es gibt Hotel- und Privatzimmer. „Wir gönnen uns was Gutes“, meint Gesine, und so entscheiden wir uns für das alte, schnuckelige Hotel gleich am Hafen. Es gibt sogar ein Drei-Bett-Zimmer. Ein bisschen stutzig macht es uns schon, dass Bad und Toilette auf dem Flur sind. Der Preis ist allerdings sehr zivil, und das hätte uns noch stutziger machen sollen. Dafür ist das Zimmer aber auch an Ungemütlichkeit nicht zu überbieten. A là Jugendherberge der Fünfziger Jahre. Nummer elf. Passt! Als wir die Tür öffnen, schlägt uns ein leichter Modergeruch entgegen. Wir gehen unseren Nasen nach und entdecken, dass dieses Aroma den stellenweise etwas angefaulten Fußleisten entströmt. Es ist nicht direkt penetrant, eher sogar dezent. Aber wir riechen es. Die drei Betten, deren Bezüge im gleichen Roséton wie die Tapete gehalten sind, stehen alle mit dem Kopfteil unter der Schräge, die sich rasant bis zum Fußboden zieht. Sie stehen nach Krankenhaus-Manier alle nebeneinander, zwei davon nach Eltern-Schlafzimmer-Manier dicht zusammen. Beim Probeliegen rammt Julia sich gleich den Kopf, und Gesine, die nichts daraus gelernt hat, tut desgleichen. Ich spare mir das Vergnügen für den Abend auf. Es ist offensichtlich ratsam, ganz ruhig zu liegen und sanft zu träumen. Außer den drei Betten gibt es zwei Stühle und einen kleinen Kleiderschrank mit zwei Kleiderbügeln.

Vorsichtig betrete ich den Balkon, dessen Bohlen sich unter meinem mit den üblichen drei Kilo Übergewicht belastetem Gewicht leicht biegen. Der Balkon hat eine Neigung nach vorn, so dass ich mich erst gar nicht dem morschen Geländer nähere. Gesine stapft mutig die ganze Breitseite entlang und lehnt sich auch noch übers Geländer. Nachdem wir uns etwas restauriert und auch Hunger haben, trennen wir uns von unserem Duftpalast und gehen auf Nahrungssuche. Der Ort ist schön, die Gässchen sind malerisch, das Essen, welches wir in unserem Hotel einnehmen, ist vorzüglich. Wir sind versöhnt und getröstet und begeben uns auf Shopping-Tour. Irgendwas braucht Frau ja immer. Fragt sich nur, wie auch das noch transportiert werden soll.

Am nächsten Tag nach einem guten Frühstück machen wir uns auf den Weg zum Hafen. Vielleicht ist unser Schiff schon da. Leider nicht. Das Wetter hat sich gebessert, wenigstens regnet es nicht mehr. Am Nachmittag, als wir wieder am Hafen sind, ein Freudenschrei von Julia: „Da steht es“! Und richtig, die „Neue Freiheit“ ist da. Wir können sie von außen bestaunen, von innen wird sie gerade noch gesäubert. Jetzt kommen Abenteuerlust und Reisefieber auf. Als wir dann endlich unser Schiff entern dürfen, sind auch die anderen Frauen – bis auf Alex und Jane – eingetroffen. Wir bilden eine Kette und transportieren gemeinsam unser Gepäck in die jeweiligen Kabinen. Es herrscht Hochstimmung, denn auch unsere Skipperin Winnie und die Maatin Iris sind sympathische Frauen. Winnie steuert bereits seit sechzehn Jahren Schiffe dieser Art, und nicht nur auf dem Ijssel- und Wattenmeer. Nach unserer Segelwoche fährt sie mit einer Gruppe nach Spitzbergen. Wir sind also in guten Händen.

Als Erstes werden uns die wichtigsten Begriffe und Handgriffe erklärt, Großbaum, Fock und Klüver. Am Großbaum wird die untere Kante, das Unterliek, des Großsegels befestigt und so auf diese Weise vom Mast weg gesteckt. Der Mast widersteht den hohen Kräften des Windes, die an den Segeln entstehen. Die wichtigste Kontrollleine des Bootes, die Großschot, ist am Großbaum befestigt. Mit ihr wird der Winkel des Großsegels zur Boots-Längsachse bestimmt. Mit diesen Gegebenheiten werden Uli, Julia, Gesine und ich uns in der Folge vertraut machen. Unser Platz ist im Heck. Wir lernen zwei Knoten, den Eineinhalbknoten mit zwei Schlägen und den Palstek. Ersterer ist ein sehr sicherer Knoten, um eine Leine an einem Ring oder einem Pfosten zu befestigen. Diesen Knoten kennen die Kanutinnen von uns schon, weil wir ihn beim Anlegen unserer Kanus an einen Steg benutzen. Wenn man eine Schlinge am Tampen, dem unteren Ende einer Leine, benötigt, kann man den Palstek verwenden. Er eignet sich auch zum Befestigen der Leine an einem Ring oder Pfahl. Ganz großen Wert legt Winnie darauf, dass wir die Leinen an Deck richtig zusammenlegen. Das nennt sich Leine-Aufschießen. Dabei werden Schlaufen in der gleichen Größe gelegt. Man dreht das Tauwerk pro Bucht etwas um sich selbst, damit es keine Klinken gibt. Zum Sichern der aufgeschossenen Leinen wird das Bündel oben mit mehreren Törns des freien Endes umwickelt. Dann schiebt man eine Bucht oben durch das Tauwerk und klappt sie zurück. Andächtig hören und sehen wir zu. Dann geht’s zur Praxis. Jede führt vor, was sie gelernt hat. Natürlich möchte jede die Letzte sein. Es klappt ganz gut, Winnie ist zufrieden.

Und dann geht es los, der Törn beginnt. Die Wettergöttin ist uns hold. Es kann sich nur um eine Göttin handeln bei zehn Matrosinnen. Tatendurstig stehen wir alle an Deck und warten auf Anweisungen. Es geht zunächst ziemlich durcheinander, alle wollen gleichzeitig das gleiche tun. Aber Winnie und Iris bringen einigermaßen Ordnung in das Ganze.

Winnie fährt aus dem Hafen; dann werden die Segel gesetzt. Wir segeln vor dem Wind; das heißt, der Wind trifft genau auf das Heck unseres Bootes und schiebt uns. Es gibt so gut wie nichts zu tun für uns. Eine Zeit lang halten Julia, Gesine, Uli und ich uns achtern bei unserer Skipperin auf und schauen ihr beim Steuern zu, dürfen auch mal selbst das Steuerrad führen. Sie erzählt uns von ihrer sechzehnjährigen Skipper-Erfahrung. Am liebsten würden wir auf der Stelle Skipperin oder zumindest Maatin werden.

Inge und Gisela sitzen auf dem Deck mit dem Rücken an die Kajüte gelehnt und dösen vor sich hin; Helga und Ilona haben sich bereits bis auf das Notwendigste entblättert und sonnen sich. Neben jedem Kopf steht eine Kaffeetasse. Alex und Mariann fachsimpeln mit der Maatin. Es ist gemütlich; alle sind entspannt und froh. Stundenlang verwöhnt uns die Sonne und zwischendurch auch Julia mit belegten Broten und frischen Getränken. Es geht uns gut. Ich habe genug Sonne abbekommen und tauche unter Deck. In der Kombüse liegen all die Köstlichkeiten, die wir am Morgen noch gemeinsam eingekauft haben. Da ich so wie so heute mit Kochen an der Reihe bin, beginne ich das Gemüse für die Suppe zu vorzubereiten. Am Abend stellt sich heraus, dass dies ein guter Entschluss war.

Diese Segelgeschichte kannst Du/können Sie weiterlesen in dem Band mit Kurzgeschichten, welches ich rechtzeitig vor Erscheinen ankündigen werde.